Angela Merkel im Wahlkampf für die Grünen

Merkel wirft Merz demokratisches Verhalten vor – hatte er es doch gewagt, eine parlamentarische Debatte anzustreben. Dadurch – so Merkel beim ZEIT-Talk – sei „eine gewisse Polarisierung eingetreten“. Für die Postdemokratin ist Demokratie nur noch ein Zustand ohne Polarisierung, hat sie doch ihre Partei erfolgreich entkernt.

picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Das Deutsche Schauspielhaus machte die Bretter, die früher einmal die Welt bedeuteten, zur Plapperbühne, von der Gesinnung gepredigt wurde. Statt Geschichten zu erzählen, Wirklichkeit in ihrer Widersprüchlichkeit zu verhandeln, predigen selbstgefällige Plappatoren ihre politischen Anschauungen im hohen Diskant ihrer Apotheose – Gestalten wie Carolin Emcke in der Schaubühne und Angela Merkel im Deutschen Theater in Berlin oder im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Das Theater beginnt, sich selbst in Frage zu stellen.

In puncto Selbstgefälligkeit kann es Merkel locker mit ihren Fans wie Emcke aufnehmen: „Schauen Sie, ich bin Bürgerin, ich bin Bundeskanzlerin a.D., ich hatte Anfragen, und habe es nicht für richtig gefunden, in einer solchen entscheidenden Situation einfach zu schweigen. Sondern fand es so bedeutsam, dass ich deshalb meine Meinung zu dem Vorgang gesagt habe.“ Frau Merkel fand es also „bedeutsam“, dass sie spricht. Wer noch aus ihrem Fanclub? Und so konnte man im Deutschen Schauspielhaus ein spätbyzantinisches Genrebild bewundern: die Große Kanzlerin und ihr zu Füßen zwei Redakteure der ZEIT.

Merkel gab sich von der Sorge getrieben, dass die „demokratischen Parteien“ jetzt wieder zu einem Zustand zurückfänden, „in dem später auch wieder Kompromisse möglich“ seien. Kompromiss ist für Merkel die Sammelbezeichnung für die Erfüllung der Wünsche der Grünen. Unter „demokratischen Parteien“ darf man inzwischen das Brandmauerkombinat, die Bewohner von Neu-Versailles verstehen, eine dysfunktionale Elite, deren Hauptziel darin besteht, ihre Posten und Pöstchen zu behalten – und die aus purer Abgehobenheit am Steuer eines Autos sitzen, Vollgas geben, und dabei in dem Katalog „Schöner Grünsein“ blättern, anstatt auf die Straße zu achten.

Merkel wirft Merz tatsächlich demokratisches Verhalten vor, dass er eine parlamentarische Debatte angestrebt hatte, denn durch die Abstimmung im Bundestag sei „eine gewisse Polarisierung eingetreten …, eine Aufgewühltheit“. Für die postdemokratische Politikerin Merkel ist Demokratie nur noch ein Zustand ohne Polarisierung, Parteien haben sich in der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands – Kurzform: „demokratische Parteien“ oder „demokratische Mitte“ – weitgehend unter rotgrüner Ideologie zu versammeln. So wird aber die Demokratie zur Oligarchie.

Von den vier Sargnägeln, die Deutschlands Sargtischlerin eingeschlagen hat, nenne ich in der Biographie als Sargnagel Nummer 4 die Spaltung der Gesellschaft. Es ist schon ein schauriger Witz, eine Infamie oder einfach nur Weltfremdheit, wenn Merkel nicht sieht, dass die „Polarisierung“, die „Aufgewühltheit“ Ergebnis ihrer Regierungspolitik, der Entpolitisierung und des Dogmas der Alternativlosigkeit ist. Doch diese Sicht ist für jemanden folgerichtig, der mit der Politik der Alternativlosigkeit das Fundament für die Brandmauer gelegt, der demokratische Wahlen rückgängig und den demokratischen Diskurs als Diskussionsorgien verächtlich gemacht und zu verhindern gesucht hat.

Wieder verteidigt sie ihre vier Sargnägel für Deutschland: die Euro-Rettung, die Energiewende, die Migrationspolitik und ihre Pandemie-Diktatur. Sie stellt die Ereignisse in Ungarn falsch dar, denn nicht die „humanitäre Notlage“ war das Problem, sondern Merkels Flucht vor der Verantwortung, ihr grob fahrlässiges Handeln, als sie sich als Flüchtlings-, als Willkommenskulturkanzlerin von willigen Medien feiern ließ.

Den Angehörigen der Opfer von Mannheim, Bad Oeynhausen, Solingen, Magdeburg und Aschaffenburg dürfte es wie Hohn in den Ohren klingen, wenn Merkel selbstgerecht durch die deutsche Syntax stolpert: „Wären wir damals in dem festen gemeinsamen Glauben an die Sache herangegangen, wir schaffen das, hätte das Ergebnis anders aussehen können.“ Was meint die Frau? Noch mehr Anschläge, noch mehr Tote? Mit den Opfern ihrer Politik kannte sie kein Mitleid, Kollateralschäden der Politik einer Frau, für die Inhalt ihrer Politik ein Wort mit drei Buchstaben ist: ich. Hierin ist sie Fleisch vom Fleisch der Grünen, wirkt wie die Patin von Annalena Baerbock und Robert Habeck.

Am 19. Dezember 2016 tötete der islamistische Terrorist Anis Amri auf dem Breitscheidplatz 13 Menschen, 54 verletzte er teils schwer. Nachdem er den polnischen Fahrer des Sattelschleppers ermordet hatte, fuhr er das Fahrzeug in die Besuchermenge des Berliner Weihnachtsmarktes an der Gedächtniskirche. Seitdem existieren in deutschen Innenstädten die hässlichen Merkel-Poller. Fühlte Merkel Mitleid mit den deutschen Opfern?

In ihrer floskelhaften Reaktion kam Angela Merkel nicht umhin, zu befürchten, dass ein „Flüchtling“ der Täter war, denn: „Dies wäre besonders widerwärtig gegenüber den vielen, vielen Deutschen, die tagtäglich in der Flüchtlingshilfe engagiert sind.“ Es hat den Anschein, dass darin Merkels tiefste Sorge bestand, denn die Angehörigen der Opfer, die mühsam um Entschädigung kämpfen mussten, wurden von ihr erst ein Jahr später nach einem offenen Brief im Kanzleramt empfangen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bundeskanzlerin den Opfern verübelte, dass sie die falschen Opfer waren, Opfer einer falschen Politik, die mit medialer Kraft, mit der Kraft von NGOs, die vom Staat mindestens teilfinanziert wurden, jegliche Kritik zu delegitimieren suchte.

Fragt man nach Merkels Verhältnis zu Deutschland ist eine Antwort erhellend, die Merkel als junge Bundesministerin der Fotografin Herlinde Koelbl gab: „Politik hat ja auch etwas mit Dienstleistung zu tun, mit der schweren Aufgabe, ein Staatswesen in Ordnung zu halten. Sie wissen ja, wo ich herkomme. Mir dürfen Sie ruhig glauben, dass es mir vor allem darum geht, aus dieser manchmal verkommenen und verkorksten Gesellschaft im Osten irgendetwas zu machen.“

Zu Merkels Politik-Verständnis, die sich erst bei der Opposition blicken ließ, als es nicht mehr um die Revolution, sondern um Posten, nicht mehr ums Risiko, sondern um die eigene Karriere ging, die sie machte, weil sie weiblich, ostdeutsch und jung war, also aus der „manchmal verkommenen und verkorksten Gesellschaft im Osten“ kam, doch das wiedervereinigte Deutschland nie zu Fuß, sondern immer in der Dienstkarosse bereiste, die am Osten den Hang zur Wahrheit, das Widerständige, den Stolz auf eine Revolution, vor der sich Merkel gedrückt hatte, verabscheute, findet sich in meiner Merkel-Biographie folgende Episode:

„Gerade ins Amt als Familienministerin gekommen, gab Angela Merkel 1991 Günter Gaus ein aufschlussreiches Interview, in dem sie ihre Abneigung, ihr ‚tiefes Misstrauen zu basisdemokratischen Gruppierungen‘ ausdrückte, bei denen sie sich nicht wohlfühlte, weil sie glaubt, ‚dass man in der politischen Arbeit auch zum Machbaren kommen muss und nicht zu lange sich im eigenen Diskutieren verlieben sollte‘. In dem von ihrer Seite außerordentlich kontrolliert geführten Interview entfährt ihr dann doch als verunglückter Scherz ein Geständnis aus der Tiefe ihrer Psyche, das seine Dimension erst im Nachhinein enthüllt: ‚Vielleicht habe ich da ein autoritäres Verhalten in mir.‘

Gaus, erfahren in Interviews, fragt genau dort nach: ‚Sie haben möglicherweise ein autoritäres Bedürfnis, ein Bedürfnis, autoritär zu sein …‘ Merkel begreift sofort den Fehler, der ihr unterlaufen ist, und relativiert: ‚Nach einer gewissen Strukturiertheit der Arbeit, die aber dann was mit Autorität zu tun hat.‘“

Festzuhalten bleibt aber, dass „Strukturiertheit“ für Merkel nur das freundliche Synonym für Autoritarismus in einer allerdings nicht ideologischen, sondern technokratischen, solipsistischen Welt ist … Politiker als Dienstleister? Wirklich für den Bürger? Wäre es so, bliebe Merkels Handeln ab Herbst 2015 unerklärlich. Doch Merkel wurde nicht von Zweifeln geplagt und von Skrupeln gepeinigt. Dieses Fehlen von Empathie in Merkels solipsistischem Zirkel ihrer Persönlichkeit belegt ihre flapsige Äußerung vor der Bundestagsfraktion der Union am 22. September 2015, als sie auf die Massenmigration, die sie unvorsichtigerweise wie der berühmte Skifahrer in Schäubles Gleichnis ausgelöst hatte, angesprochen wird: „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin, nun sind sie halt da.“ Und „sie“ sind nicht nur da. Sind Merkel auch die Opfer ihrer Politik „egal“?

Auf der Bühne in Hamburg vermisst Merkel den Kadavergehorsam, denn: „Es ist nicht richtig gewesen, dass wir so viel gestritten haben“, nicht richtig, dass nicht alle widerspruchslos der Großen Kanzlerin gefolgt sind. Die AfD ist aus ihrer Sicht nicht aus dem Widerstand gegen die staatswohlgefährdende Migrationspolitik Merkels groß geworden, sondern auch „durch den großen Streit zwischen CDU und CSU“.

Auf der Bühne geriert sich Merkel als CDU-Politikerin, doch die CDU hat sie nicht geliebt, die hat sie zerstört, geliebt hat sie die Grünen. Statt zum Parteitag der CDU im Jahr 2024 zu gehen, hielt sie lieber eine Lobeshymne zur Verabschiedung von Jürgen Trittin als Bundestagsabgeordneter. Die Symbolik ist platt und nicht zu übersehen. Die CDU muss die Merkel-Zeit aufarbeiten. Solange die CDU Merkel nicht ausschließt, ist sie nicht wählbar, denn Merkel ist die Hintertür, durch die die Grünen kommen, denn es müssen ja „später auch wieder Kompromisse möglich“ sein.


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Kommentare ( 122 )

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humerd
1 Monat her

Dass Frau Merkel in der falschen Partei ist, ist schon sehr lange erkennbar. Allerdingsg hätte sie bei den Grünen keine Karriere gemacht, da sie schon damals zu alt.

Schwabenwilli
1 Monat her

Sie weiß genau welche Reaktionen sie mit ihren öffentlichen Auftritten auslöst, im positiven wie auch negativen Sinne.
Das heißt sogar die Alternativen Medien sind ihr auf den Leim gegangen.
Die Frau verdient keine Bühne mehr, nur noch die Abstellkammer.

Klartexter
1 Monat her

Erst hat die Frau Kohl vera…, dann die Nation. Ein Uboot der DDR, das einen Auftrag hatte: die Zerstörung des übermächtigen Westen von innen heraus. Mission accomplished.

Erich
1 Monat her
Antworten an  Klartexter

Nicht vergessen: Kohl hat seine Spender nicht genannt und später war plötzlich „Sein Mädchen“ da.

Markus Gerle
1 Monat her

Dieter Nuhr hat es gestern auf den Punkt gebracht. Merkel hat Recht, wenn sie behauptet, dass sie für die 20 oder 21% der AfD nicht verantwortlich ist. Wäre Merkel noch Kanzlerin, würden die Umfrageergebnisse für die AfD wohl noch weitaus besser ausfallen.

LiKoDe
1 Monat her

Würden die Grünen 1994 in der Lage gewesen sein, Fr. Merkel ein Bundesministerium anbieten zu können, wäre sie wohl ohne zu zögern bei den Grünen eingetreten.

Das ist von einer protestantischen Kleinbürgerin auch gar nicht anders erwartbar. Denn es ging und geht ja um den Aufstieg in die untere Oberschicht. Und den schaffte sie dann eben mit der CDU.

Da sie nun als ehemalige Bundesministerin und Bundeskanzlerin Teil der unteren Oberschicht ist, kann es ihr herzlich egal sein, was man in der CDU oder anderswo über sie denkt und spricht.

Last edited 1 Monat her by LiKoDe
Kassandra
1 Monat her
Antworten an  LiKoDe

Charakterlich spielt sie halt in einer ganz anderen Liga. Aber da tummelt sich wohl eh das gesamte Politbüro.

Manfred_Hbg
1 Monat her
Antworten an  Kassandra

Mit Blick darauf, wo und wie diese uckermärkische Abrisbirne Merkel aufgewachsen ist und wo in ihrer Kindheit und als junger Mensch ihre damalige Sozialisierung stattgefunden hat, da habe ich es nie verstehen können, daß diese nicht (west-)deutsche Person Bundeskanzlerin werden und sein bzw spielen konnte. Und das besonders auch umso mehr mit Blick auf ihren damaligen ostdeutschen Hintergrund und den mehr oder minder offenen Fragen zu ihren DDR-Tätigkeiten. Doch auch sonst war Merkel für mich schon immer nur eine profil-/farb- und bor allem auch visionslose, langweilige Person die dann auch irgendwelche Probleme immer nur weitmöglichst ausgesessen hatte bis sich dann… Mehr

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Manfred_Hbg

Damals Vereinigungsbesoffenheit und heute, ganz ähnlich, welche hinsichtlich Migration.
Wobei es welche gibt, die weder von dem einen noch dem anderen tranken und über die Zeit vollkommen klar im Verstand blieben. Danisch dankt denen aus der ddr, die ihn schon lange darauf aufmerksam machen, wohin uns welche um Merkel wie grün-links, wohl samt spd und union inzwischen „geführt“ haben.

Rob Roy
1 Monat her
Antworten an  LiKoDe

Angeblich wollte sie erst in die SPD eintreten, doch ihr wurde die Mitgliedschaft dort verwehrt.

alter weisser Mann
1 Monat her

Ja, Merkel redet wieder und es klingt so hohl und leer wie früher, nur mit etwas mehr Abstand und voller Ich-Bezug.
Immerzu alles richtig gemacht und was würde es denn auch nützen, etwaige, ihr so gar nicht bekannte Fehler einzuräumen? Die Ergebnisse sind ja nun mal sowieso da.
Sie wird auch weiter nach Laune reingrätschen, natürlich nicht als Schattenparteivorsitzende, sondern als Ex-Bundeskanzlerin nach Anfragen besorgter Merkelianer … ist doch eine feine Legende.
Das Weltbild der uckermärkischen Matrone ist nun noch simpler geworden als das zu Zeiten ihrer Kanzlerschaft.

Ali Mente
1 Monat her

Neben dem Omas gegen Rechts, haben wir auch die „Oma gegen Deutschland“, sie ist das Schlimmste was man sich vorstellen kann.

Giovanni
1 Monat her

Diese Frau überschätzt sich. Sie will nicht erkennen, daß sie bedeutungslos geworden ist. Sie verhält sich wie ein altgewordene Schauspielerin, die nicht erkennen will, daß nicht mehr publikumswirksam ist.

kurowski
1 Monat her

16 Jahre betrügerisch unter CDU-Label grüne Politik gemacht, was letztlich nun zum totalen wirtschaftlichen Absturz Deutschlands führte und nun immer noch nichts dazu gelernt. Alle, nur nicht mehr die grüne Schwachkopfpartei. (kein Beleidigung nur Leistungsbeschreibung).  

IJ
1 Monat her

Jetzt rächt es sich, dass es nie eine Abrechnung mit Angela Merkel und ihren Anhängern in der CDU gegeben hat. Mit ihrem parteischädigenden Verhalten vor der Wahl zu Lasten von CDU und CSU schlägt sie hinsichtlich Dreistheit und Perfidie dem Fass den Boden aus. Ein Parteiausschluss ist unumgänglich – ja wenn die CDU eine normale Partei wäre. Das ist sie aber nicht. Nach 20 Jahren Merkel sind alle mit Rückgrat und Mut längst aus dieser Partei ausgetreten.

eifelerjong
1 Monat her
Antworten an  IJ

Ein Parteiausschluß einer Person, die, so berichtet nie ordentliches Mitglied war, die nur zur CDU kam, da der „Demokratische Aufbruch, dem sie angehörte, sich geschlossen der CDU anschloß?