20.000 Jäger demonstrieren in Hannover gegen grüne Pläne

Deutschlands Wälder sind nicht mehr vorrangig vom sauren Regen bedroht, sondern von hungrigen Rehen: Das jedenfalls meint die Partei von Robert Habeck. Jetzt gehen Jäger zu Zehntausenden auf die Straße, um unsere Wildtiere vor absurden Gesetzen zu schützen.

picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg
Etwa 20.000 Teilnehmer bei einer Demonstration gegen Jagdbeschränkungen in Hannover, 30.01.2025

„Mehr Grün wagen“ steht auf dem großen Plakat, das eine Demonstrantin hochhält. Der Mann neben ihr nickt heftig und skandiert: „Tiermörder“.

Es war der heutzutage handelsübliche Protest, der da am vergangenen Wochenende vor den Westfalenhallen in Dortmund stattfand. Selbsternannte Tierschützer beschimpften am Eingang von Europas größter Jagdmesse „Jagd & Hund“ die Besucher. Die nahmen es gelassen: Man kennt das inzwischen.

Was dagegen ein paar Tage vorher in Hannover passierte, war ungewöhnlich. Mehr als 20.000 Jäger in orange-greller Jagd-Signal-Sicherheitskleidung protestierten in Niedersachsens Hauptstadt gegen Pläne der grünen Landeslandwirtschaftsministerin Miriam Staudte. Sie will das Landesjagdgesetz ändern. Schon wieder: Erst im Dezember 2023 hatte sie es bereits verschärft.

 

Der Laie könnte nun denken, dass die Jäger demonstriert haben, weil sie mehr Tiere abschießen wollen, aber nicht dürfen. Falsch gedacht. Das Gegenteil ist richtig: Die Jäger haben unter anderem dagegen protestiert, dass es praktisch keine Begrenzung zur Jagd auf Rehwild mehr geben soll.

Denn der grüne Leitsatz heißt „Wald vor Wild“.

Dazu muss man wissen, dass das Reh bei uns die am häufigsten vertretene Wildart ist. Rehe haben eine sehr spezifische Verdauung, sie suchen sich ihre Nahrung sorgfältig aus. Finden sie nicht genügend nahrhafte Gräser, Blumen und Kräuter, knabbern sie die inhaltsreichen Triebe junger Bäume ab. Das nennt man dann „Verbiss“.

Für die kommerzielle Forstwirtschaft sind Rehe deshalb sozusagen der Endgegner. Es ist mühsam, langwierig und auch teuer, neu angepflanzte junge Triebe so lange zu schützen, bis die Bäume hoch genug gewachsen sind, dass Rehe oben nichts mehr abbeißen können. Auf vielen Flächen geht es gar nicht.

Also hat erst das grüne Milieu und dann die grüne Partei die Doktrin „Wald vor Wild“ ersonnen – erst in Bayern, dann bundesweit. Dabei werden sehr einseitig die meisten Waldschäden unseren großen Pflanzenfressern angelastet: in erster Linie dem Rehwild, in zweiter Linie auch dem (selteneren) Rotwild. Daraus wird pauschal gefolgert, es gebe zu hohe Wildbestände. Und die müsse man konsequent reduzieren.

Reduzieren heißt hier: massenhaft abschießen.

Seit Jahren sind es ausgerechnet die Jäger, die gegen „Wald vor Wild“ ankämpfen. Der Verein Wildtierschutz Deutschland zum Beispiel nennt die Ideologie einen „Krieg gegen Wildtiere“. Zwischen den beiden grundgesetzlich geschützten Rechtsgütern Eigentum (am Wald, zur Holzverarbeitung) und Tierwohl (der Wildtiere) gebe es überhaupt kein ausbalanciertes Verhältnis mehr. Die von sogenannten „ökologischen Jägern“ und weiten Teilen der grünen Partei geforderte massenhafte Bejagung vor allem von Rehen habe längst „völlig unethische Dimensionen erreicht“.

Es geht um viel Geld. Deutschlands Forst- und Holzwirtschaft macht pro Jahr knapp 190 Milliarden Euro Umsatz. Zum Vergleich: Die Automobilindustrie bei uns erreicht ca. 540 Milliarden Euro. Der Staat verdient kräftig mit, etwa ein Drittel der gesamten Waldfläche gehört der öffentlichen Hand. Und unsere Staatsforsten in den Bundesländern haben sogar noch weniger Neigung als die privaten Waldbesitzer, wegen des Tierschutzes auf Einnahmen aus dem Holzgeschäft zu verzichten. Also fördern sie nach Kräften den Wald-vor-Wild-Wahn – zusammen mit jenen Baumstreichlern, die ein nahezu religiöses Verhältnis zum deutschen Wald pflegen.

Die Rehe bleiben im Wortsinn auf der Strecke.

Denn was auch kein Laie weiß: Der moderne Waidmann schießt keineswegs nach Lust und Laune das Wild daher wie einst der Jäger aus Kurpfalz. Der überwältigende Großteil des bejagten Rehwilds in Deutschland wird entsprechend der amtlich vorgegebenen „Abschusspläne“ erlegt. Bei deren Erarbeitung in sogenannten Jagdbeiräten sind die Jäger zwar dabei – aber gegenüber den Vertretern der Forstwirte, der Landwirte sowie des Natur- und Waldschutzes chronisch in der Minderheit.

Wer einmal die Diskussion in so einem Jagdbeirat mitgemacht, weiß: Ernüchternd oft stehen die Jäger gegen alle anderen. Immer öfter werden immer höhere Abschussquoten verfügt. Immer öfter haben die Jäger Probleme, überhaupt so viele Stücke zu erlegen, wie ihnen vorgegeben wird. Das kann teuer werden – für den Jäger. Denn schießt ein Revierpächter weniger Wild als der Abschussplan vorsieht, muss er in der Regel eine Ordnungsstrafe zahlen. Das kann sehr ordentlich ins Geld gehen.

Und die Wald-vor-Wild-Fraktion macht keine Gefangenen. In Brandenburg hat der scheidende grüne Landwirtschaftsminister Axel Vogel ganz kurz vor dem Ende seiner Amtszeit noch schnell eine heftig umstrittene und von einer breiten Front von Fachleuten abgelehnte neue Durchführungsverordnung zum Jagdgesetz in Kraft gesetzt. Darin wurde die Jagdzeit für Rehe (und anderes sogenanntes wiederkäuendes Schalenwild) verlängert. Heißt: Noch weniger Ruhe für die Tiere des Waldes. Der Landesjagdverband nannte das empört „tierschutzwidrige Wildtierfeindlichkeit“.

Ähnliches wie in Brandenburg versucht jetzt Vogels Parteifreundin Staudte in Niedersachsen. Recht offenkundig handelt es sich hier um ein bundesweites grünes Projekt. Das zeigt der Umstand, dass viele Brandenburgische Ideen sich teilweise wortgleich im niedersächsischen Gesetzentwurf wiederfinden.

Was daran besonders irritiert, ist eine fast durchgehende Doppelbödigkeit in der Argumentation. Bei der Jagd auf Rehe spielt der Tierschutz keine Rolle. Die Jagd auf Raubwild (Füchse, Dachse, Marder, Marderhunde) wird dagegen enorm erschwert – und begründet wird das mit dem Tierschutz. Allerdings weiß nun wirklich jeder, dass Raubwild für ein regelrechtes Massensterben vieler geschützter und am Boden brütender Vogelarten sorgt. Für die spielt der Tier- und Artenschutz dann aber wieder keine Rolle.

Das Muster erinnert an andere Diskussionen. Naturschutz ist wichtig, wenn es gegen das Wild geht. Naturschutz spielt keine Rolle mehr, wenn es um Windräder geht. Für die wird dann auch schon mal der hessische Märchenwald großflächig abgeholzt.

Klimaschutz ist wichtig, wenn es gegen das Auto geht. Klimaschutz spielt keine Rolle mehr, wenn es gegen Atomenergie geht. Da erzeugt man den Strom lieber mit den schlimmsten und dreckigsten Kohlekraftwerken, als ein paar komplett CO2-freie Atommeiler länger laufen zu lassen.

Keine Frage: Man kann ja bei praktisch allem dafür oder dagegen sein. Das ist auch gut so. Aber ist es wirklich zu viel verlangt, dabei eine zumindest aussagenlogisch kohärente Position zu entwickeln, mit der man sich nicht andauernd selbst widerspricht?

Auf der „Jagd & Hund“ in Dortmund habe ich einen todesmutigen Selbstversuch gewagt: Ich bin zu der kleinen Schar von Demonstranten gegangen und habe jeden einzeln gefragt, was ein Abschussplan ist und wer den festlegt. Keiner hatte auch nur den Hauch einer Ahnung. Kein einziger.

Ideologen sind die größte Bedrohung für unsere Wildtiere und unsere Wälder.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 27 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

27 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Franzl74
1 Monat her

In den Jagden, wo viel erlegt wird gibt es gut genährte gesunde Tiere mit einem ordentlichen Gewicht. Bei mir im Wald waren es magere Tiere, total verzeckt, als ich kurze Zeit mal jagen durfte. Wegen der Überbevölkerung. Unter Hege verstehe ich das erstere.

Last edited 1 Monat her by Franzl74
Orlando M.
1 Monat her

Auf der einen Seite fordern die Grünen höhere Abschusszahlen, auf der anderen versuchen sie immer wieder, Jägern und Sportschützen die Waffen abzunehmen. Ich bin Sportschütze, meine Ziele sind ausschließlich Papierscheiben. Die Grünen wollten ernsthaft durchsetzen, dass wir nur noch Lichtgewehre haben dürfen und bis dahin die Waffen im Vereinsheim zu lagern sind. Wohl um es Einbrechern leichter zu machen, an Waffen zu kommen. Bei uns haben Grüne Standverbot, denn wir haben das Hausrecht und dazu gibt es eine nette Anekdote. Ein Vereinskamerad und AfD-Wähler hatte einen höheren Grünenpolitiker kennengelernt und war von dem sehr angetan. Er meinte dann zum Vereinschef… Mehr

verblichene Rose
1 Monat her

Keiner hatte auch nur den Hauch einer Ahnung. Kein einziger. Ist mir auch sofort durch den Kopf gegangen. Denn für eine Quote müsste man doch erstmal feststellen, wie hoch der Anteil an „überschüssigen“ Rehen überhaupt ist. Wie rechnet man das also bei der Waldlobby aus? Drei angenagte Bäume = ein Reh? Was würde also die „Waldwirtschaft“ mal davon halten, für mehr Gräser, Blumen und Kräuter zu sorgen und nicht einfach nur auf zu forsten? Ein Wald ist nämlich ein sog. Ökosystem. Mich wundert es daher nicht, dass heute nicht mehr der „saure Regen“ für das Waldsterben verantwortlich ist, sondern die… Mehr

Franzl74
1 Monat her
Antworten an  verblichene Rose

Kein Unterholz, in lichten Beständen, keine Eichen, keine Tannen, maximal Fichten und ein paar Buchen, Ahorn sind alle Zwiesel, weil er Mitteltrieb flächig abgebissen wird. Und an denen Fegeschäden (Rinde mit dem Bastgehörn abgefegt), so das sie nach einigen Jahren faul werden und umfallen. Das ist gut zu beobachten.
Da bleibt nur einzäunen.
Ich schlage vor, die Waldbesitzer dürfen selbst jagen, oder der Jäger zahlt den Zaun und die Pflanzung.
„Überschüssige Rehe“ haben Sie sich ausgedacht.

Last edited 1 Monat her by Franzl74
Oldie
1 Monat her

ich glaube der Schaden am Forst verursacht durch Rodung für die irrsinnigen Windräder die zusätzlich die Landschaft verschandeln ist größer als der Schaden durch Verbiss

Franzl74
1 Monat her
Antworten an  Oldie

Die Windräder im Reinhardswald sind wahnsinnig.
Laufen Sie durch den Wald, finden Sie gestufte Bestände? Wenn genug Licht auf den Waldboden fällt gibt es sie, außer sie werden aufgefressen.

Mermaid
1 Monat her

Will jemand den Jagdschein machen, spricht man vom „grünen Abitur“. Es ist dort mehr zu lernen, als sich manch grüner „Tierschützer“ träumen läßt. Die „deutsche Waidgerechtigkeit“ ist ein in Jahrzehnten gewachsenes Regelwerk (könnte man vielleicht sagen), das den Umgang der Jäger mit dem Wild beschreibt. Der Jäger ehrt den Schöpfer in seinem Geschöpf. Keine leeren Floskeln! Viele ohnehin eingeführte Regeln des Waidwerks haben so erst später ihren Eingang in das Jagdrecht gefunden. Aus der Pflicht (!) zur Hege erwächst das Recht (!) zur Jagd. Das gibt eine klare Reihenfolge. Ach, hätten unsere GrünInnen nur einen Hauch von Ahnung, was sie… Mehr

Franzl74
1 Monat her
Antworten an  Mermaid

Die meisten sehen das Wild wichtiger als die Bäume. Sie schützen das Wild, nicht den Wald. Sind sie Jäger?

Lars Baecker
1 Monat her

Wenn alle Jäger in Deutschland, die gegen dieses sinnlose Massenabschießen sind, ihre Jagdpachten aufgeben und das Gewehr mal ein, zwei Jahre im Schrank lassen, wären die Grünen froh, wenn man wieder zum status quo zurückfände. Denn gänzlich ohne Jagd ist der Wald dem Untergang geweiht. Eigentlich sitzen die Jäger am längeren Hebel. Sie müssen ihn nur betätigen.

Franzl74
1 Monat her

Wild soll nur bejagd werden, wenn die Verwertung sichergestellt ist. Bei Rehen ist das der Fall, bei Raubwild meist nicht. Wenn das Fell gegerbt wird, ist die Bejagung gerechtfertigt. Position des Ökologischen Jagdvereins. http://www.oejv.org

gmccar
1 Monat her
Antworten an  Franzl74

Ich hatte 800 ha Revier im Odenwald. Gut strukturierte. Feld, Wald, Wiesen. 18 Sitze und an jedem dieser Sitze 3-5 Hasen zu beobachten. Dies wurde erreicht, weil nach Revierübernahme in zwei Jahren 217 Füchse erlegt wurden. Die Nutzung der Bälger (Felle) ist dank der Grünen seit etwa 40 Jahren verteufelt .Rehwild lag bei bestätigten 30 +X Stücken und Geißen führten in der Regel 2, manchmal 3 Kitze. Der oejv.org ist m. M. ein Sammelpunkt grüner Ideologen. Dort sind sehr viele Förster anzutreffen, die heute überwiegend zu Holzverkäufern degradiert sind.

Last edited 1 Monat her by gmccar
Franzl74
1 Monat her

Jäger wollen viele Rehe, weil es dann mehr Nachwuchs gibt. Und die Jagd einfacher wird. Wenn sie durch den Wald laufen, und es gibt kein Unterholz, dann liegt das größtenteils daran, dass die Rehe es auffressen. Einen Hektar Wald einzuzäunen kostet ca. 10000 Euro. Zahlt der Eigentümer. Plus Pflanzung nochmal ca. 10000 Euro. Ganz grob. Der Jäger zahlt pro Hektar 2 bis 5 Euro im Jahr. Bei mir im Wald wachen keine Eichen, keine Tannen nach, nur Buchen und Fichten. Der Wald verarmt. Ein guter Wald verjüngt sich selbst, mit Bäumen die an den Standort angepasst sind. Das ist mit… Mehr

Mermaid
1 Monat her
Antworten an  Franzl74

Nach dem Jagdrecht geht es um einen an die landeskulturellen Gegebenheiten angepaßten, gesunden und artenreichen Wildbestand. Daran müssen sich alle Seiten halten. Auch Waldbesitzer.

gmccar
1 Monat her
Antworten an  Franzl74

In Ungarn und auch im Elsass mit sehr hohem Rotwildbestand ist dies offensichtlich kein Problem. Das Wild kann dort auch ziehen, weil es überall Wildbrücken über Autobahnen gibt. In D. sind die Tiere auf enge sog. Rotwild- Gebiete begrenzt. Verbiss-Schäden sind darauf zurück zu führen und dazu noch Inzest zeigen sich dann am Wildgewicht und den Trophäen.

chez Fonfon
1 Monat her

Ich kenne nur Grüne, die Jäger hassen, weil Jäger angeblich mordlustig das Bambi abknallen. So ungefähr sieht die kindisch-dümmliche Welt des grünen Nachwuchses in unserer waldreichen Kleinstadt aus.

Franzl74
1 Monat her
Antworten an  chez Fonfon

Solche Leute kenne ich auch, aber die Demonstranten hier sind das genaue Gegenteil.

EinBuerger
1 Monat her

Die Bauern waren auf der Straße. Es hat nichts gebracht. Die Demonstrationen der Jäger werden genauso viel bringen.
Ich habe das Gefühl, dass sind alles Normies, die bisher im BRD-System ganz zufrieden waren. Und die ernsthaft denken, ihr Protest würde irgendetwas bewirken. Vermutlich haben sie die letzten 10 Jahren nur die Mainstream-Medien konsumiert und waren/sind der Meinung, gut informiert zu sein.

Krauti
1 Monat her
Antworten an  EinBuerger

Ja, viele Jäger, nicht alle, sind Schlafschafe. Sie müssen mal auf so eine Messe gehen. Zudem erfreuen sich einige Jäger derart am Konsum, dass es schon weh tut. Man kann sagen: sie sind eingebettet in eine Welt aus Vorschriften und beruhigendem Konsum.