„Bovaer“ heißt das vermeintliche Wundermittel. Chemiker kennen den Stoff unter dem wissenschaftlichen Namen 3-Nitrooxypropanol oder unter der Formel C3H7NO4. Beides ist für jedes Produktmarketing zugegebenermaßen ein Albtraum.
Also hat der niederländische Chemie-Multi DSM einen mehr tierspezifischen Begriff gesucht, der auch leichter über die Zunge geht. Kühe gehören zu den rinderartigen Hornträgern, lateinisch „Bovidae“.
Und fertig war der Produktname.
Doch es ist nicht die Bezeichnung, die gerade für ziemlich viel Streit sorgt. Erst haben sie sich vor allem in den USA und in Australien gezankt. Dann ist der Konflikt mit Macht nach Norwegen herübergeschwappt. Und in Deutschland können wir die Uhr danach stellen, dass er demnächst auch bei uns ankommt.
„Bovaer“ ist ein Viehfutterergänzungsmittel. Es verringert den Methanausstoß von Rindern. Kühe sind bekanntlich Wiederkäuer. Im Verlauf ihrer sehr langsamen Verdauung, nun ja, furzen sie von Natur aus viel. Sehr viel sogar, und zwar ausgerechnet Methan. Das ist anerkannt ein sogenanntes Treibhaus-Gas: In der Erdatmosphäre zersetzt es sich und bildet dabei unter anderem den Schadstoff Ozon. Methan trägt recht heftig zur Erderwärmung bei, das ist sogar ziemlich unumstritten.
Der Zusatz hemmt nun während der Verdauung die Bildung von Methan im Rindermagen: um 30 Prozent bei Milchkühen und sogar um 45 Prozent bei Zuchtrindern. Das zumindest sagt der Hersteller, der Riesen-Konzern DSM mit Hauptsitz in Maastricht.
Doch wo Licht ist, ist eben meist auch Schatten.
„Bovaer“ könne Fruchtbarkeit bei Tieren und sogar bei Menschen beeinträchtigen, sagen Kritiker. Das Mittel enthalte „giftige Chemikalien“ und könne Fortpflanzungsprobleme verursachen. Besondere Beachtung bei Skeptikern fand eine Sicherheits- und Wirksamkeitsstudie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) aus dem Jahr 2021. Darin wurde über schädliche Wirkungen des Stoffs bei Ratten berichtet.
Die Verteidigungsmaschine von allen, die ökonomische Interessen an dem Mittel haben, lief sofort auf Hochtouren. DSM wies darauf hin, dass „Bovaer“ von den britischen und von den EU-Behörden für Lebensmittelsicherheit als sicher eingestuft wird. Tatsächlich hat die EU das Mittel im April 2022 zugelassen. Kanada gab im Januar 2024 grünes Licht, die USA vier Monate danach.
Großbritanniens größte Molkereigenossenschaft Arla Foods testet „Bovaer“ in Zusammenarbeit mit den europäischen Supermarkt-Riesen Aldi, Morrisons und Tesco. Es verwundert daher wenig, dass das Unternehmen das Viehfutterergänzungsmittel ebenfalls für völlig ungefährlich hält. Dabei beruft sich Arla allerdings fast ausschließlich auf Studien, die offenbar von DSM finanziert wurden.
Die EU erklärte besonders vehement, dass das Mittel für Mensch und Tier unbedenklich sei. Milchprodukte würden in keiner Weise beeinträchtigt, und überhaupt diene ja alles dem großen Hauptziel: „Die Verringerung der landwirtschaftlich bedingten Methanemissionen ist entscheidend für unseren Kampf gegen den Klimawandel, und die heutige Zulassung ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was wir durch neue landwirtschaftliche Innovationen erreichen können.“ Das sagte damals Stella Kyriakides, seinerzeit EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit.
Doch da hatten sowohl die allgemeine Glaubwürdigkeit der EU als auch die persönliche Glaubwürdigkeit von Frau Kyriakides durch die Skandale um die Corona-Impfung schon so schwer Schaden genommen, dass beide als Leumund nicht mehr zu gebrauchen waren.
Hinzu kommt der in seiner Wirkung nicht zu unterschätzende Umstand, dass eine andere prominente Figur auch hier ihre Finger im Spiel hat: Bill Gates hat über seine Stiftung mehrere Projekte des „Bovaer“-Herstellers DSM mit umgerechnet 4,7 Millionen Euro gefördert.
All das zusammen führt nun zu einer weltweiten Anti-Reaktion von Verbrauchern:
- In Großbritannien gibt es Aufrufe zum Boykott von Aldi, Morrisons und Tesco sowie von Arla-Marken. Besonders betroffen ist hier Lurpak, eine populäre dänische Buttermarke, die weltweit vertrieben wird.
- In Norwegen verwenden die beiden größten Hersteller von Molkereiprodukten, Tine und Q-Meieriene, „Bovaer“ nicht mehr in ihrem Tierfutter. Nach großen Boykottaktionen sei der Zusatz des Stoffes nicht mehr wirtschaftlich.
- In Australien haben sich mehrere große Molkereibetriebe von „Bovaer“ distanziert. Die Firma „Gippsland Jersey“ teilte sogar mit, man sei „stolz darauf, Australiens beste echte Milch zu produzieren“ – und die sei selbstverständlich frei von jeglichen Zusatzstoffen.
- Ebenfalls Down Under gibt die große und bekannte Metzgerei „Super Butcher“ im Internet Tipps, bei welchen Rindfleischmarken garantiert kein „Bovaer“ drin ist.
Inzwischen ist es ein Glaubenskrieg. Auch unabhängige Wissenschaftler dringen mit ihren Argumenten pro oder contra „Bovaer“ nicht mehr durch. Industrie und Politik verteidigen das Mittel vehement, Verbraucher lehnen es genauso vehement ab.
Nur die Kühe, die interessiert das alles eher gar nicht. Sie sitzen weiter träge auf ihrer Weide, käuen wieder – und tun das, was ordentliche Kühe ihrer Natur nach bei der Verdauung nun eben mal so tun.
Sie wissen schon.