Tichys Einblick
51 Schuldsprüche

Die Vergewaltigungen von Mazan: 20 Jahre Haft für Dominique Pelicot

Er hatte seiner Frau Medikamente verabreicht, um sie wehrlos zu machen, sie vergewaltigt und andere Männer dazu eingeladen, es ihm gleichzutun. 51 von über 70 Tätern konnten identifiziert werden. Nun sind nach dreimonatigem Prozess die Urteile gefallen. Ein Schlussstrich ist das dennoch nicht.

IMAGO / MAXPPP

92 Mal wurde Gisèle Pelicot vergewaltigt. Ihr eigener Ehemann hatte sie mit Hilfe von Medikamenten bewusstlos gemacht, um sich selbst an ihr zu vergehen und dies zu filmen. Schließlich ging er dazu über, andere Männer einzuladen, es ihm gleichzutun. Über 70 Männern lieferte er seine Frau über einen Zeitraum von neun Jahren aus; 51 konnten identifiziert werden und mussten sich vor Gericht verantworten, einer der Angeklagten hatte sich nach Marokko abgesetzt und wurde in Abwesenheit verurteilt.

Der Prozess, der mit Schuldsprüchen für alle 51 Angeklagten am Donnerstagmorgen vorläufig endete – die Verurteilten haben zehn Tage Zeit, um in Berufung zu gehen –, stellt jedoch keinesfalls einen Schlussstrich dar. Die Aufarbeitung der „Vergewaltigungen von Mazan“ hat noch nicht einmal begonnen, immer noch dominieren Entsetzen und Schock.

Allerdings zeigen die Urteile, dass eine gesellschaftliche Diskussion über Sexualverbrechen und den Umgang mit ihnen notwendig ist. Denn bis auf Dominique Pelicot, der zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde, blieben die Haftstrafen unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Maß. Lediglich zwölf statt der geforderten 17 Jahre etwa muss Jean-Pierre Marechal hinter Gittern. Er hatte zugegeben, Pelicots Beispiel gefolgt zu sein, und seine eigene Frau derselben Tortur ausgesetzt zu haben: Er verabreichte ihr Medikamente, vergewaltigte sie und lud seinerseits Pelicot dazu ein, es ihm gleichzutun. Der Anwalt Marechals hat bereits verkündet, dass dieser das Urteil akzeptieren werde. Zwischen drei und fünfzehn Jahren lauten die weiteren Urteile, wie gesagt durchweg weniger, als jeweils gefordert: Anscheinend wollte das Gericht den Tätern nicht zumuten, die gesamte Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen – das durch ihr Tun verursachte Leid kann dem Opfer hingegen niemand abnehmen.

Urteile bleiben unter gefordertem Strafmaß

Das Verfahren stellt also keinesfalls einen Präzedenzfall dar, der den oft laxen Umgang der Justiz mit Sexualverbrechen korrigieren würde – und das, obwohl die Lücke, die zwischen Rechtsprechung und Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung klafft, wohl in keinem anderen Bereich so groß ist.

Andererseits hatten ganze 32 der Angeklagten gar auf Freispruch plädiert – und das trotz des von Pelicot selbst angefertigten Filmmaterials. Statt Reue und Schuldbewusstsein legten viele der Angeklagten eine schier unerträgliche Haltung an den Tag, stritten jede Beteiligung ab, gaben vor, sich nicht erinnern zu können, oder inszenierten sich selbst als Opfer.

Umso wichtiger, dass Gisèle Pelicot zugelassen hat, dass ihr Fall breite Aufmerksamkeit erfährt, und so auch das beschämende Verhalten der Täter offenlegt, die mit ihren Taten konfrontiert werden.

Wenn dieser Prozess etwas verändert, dann wegen ihres geradezu übermenschlichen Umgangs mit ihrem Schicksal. Sie hatte auf Anonymität verzichtet, und so den Opfern sexueller Gewalt ein Gesicht und eine Stimme verliehen: Die Täter sollten sich schämen, nicht die Opfer, ist ihre Botschaft. Damit nimmt sie nicht nur die französische Öffentlichkeit in die Pflicht: Die Gesellschaft muss sich den Problemen stellen, den der gegenwärtige Umgang mit Sexualität mit sich bringt, und Lösungen formulieren.

Ein Abgrund in der Mitte der Gesellschaft

Denn die Täter werfen ein schonungsloses Licht auf einen Abgrund, der sich nicht etwa an den Rändern, sondern in der Mitte der Gesellschaft auftut: Journalist, Lastwagenfahrer, Krankenpfleger, Feuerwehrmann oder Sportlehrer; der jüngste Täter 27, ein anderer über siebzig Jahre alt; Ehemänner, Familienväter, Geschiedene: „Monsieur tout le monde“, „Jedermann“, wurden die Täter von der französischen Öffentlichkeit getauft. Ein Begriff, der den Kern dessen erfasst, was den Fall Pelicot so schockierend macht:

Zwar ist Pelicot ein notorischer Sexualstraftäter. Seine Verbrechen kamen überhaupt nur deshalb ans Licht, weil er in einem Supermarkt versuchte, Frauen unter den Rock zu filmen. Dies zog eine Überprüfung seiner elektronischen Geräte nach sich, und offenbarte, dass er nicht nur seine Frau missbrauchte, sondern auch gegenüber seiner Tochter und seinen Schwiegertöchtern übergriffig wurde. Zudem führten die Untersuchungen zu zwei Jahrzehnte zurückliegenden Fällen, einer Vergewaltigung und Ermordung, sowie einer versuchten Vergewaltigung. Letztere gab Pelicot zu.

Sexualverbrecher trifft auf „den Mann von nebenan“

Auf die anderen Täter trifft dies nicht zu: Sie sind, zum Teil ganz wortwörtlich, der Nachbar von nebenan, „Jedermann“ eben, „Monsieur tout le monde“: Ganz normale Männer aus unterschiedlichsten sozialen Kontexten. Sie alle jedoch wurden gegenüber einer bewusst- und hilflosen Frau zu Monstern.

Angesichts dessen ist die Selbstverständlichkeit, mit der sexuelle Gewalt bis ins Vorabendfernsehen hinein normalisiert, und wie sie im Netz allgegenwärtig ist, erschreckend.

Und doch verschließt die Öffentlichkeit die Augen vor dem Zusammenhang zwischen einer übersexualisierten Gesellschaft, und aufsehenerregenden Fällen wie denen von Mazan.

Genau dieser Zusammenhang aber wird im „Monsieur tout le monde“ überdeutlich: Es brauchte nicht viel, lediglich die Skrupellosigkeit eines einzigen Mannes mit gestörter Sexualität, und die Gelegenheit, um zumeist ganz normale Männer zu solchen Taten zu motivieren. Bei jedem von ihnen hätte der Impuls sein müssen, einer bewusstlosen Frau zu helfen. Bei jedem von ihnen setzte der einfache, gesunde, normale menschliche Reflex aus. Und dafür ist das gesellschaftliche Umfeld mitverantwortlich.

Ein abscheuliches Verbrechen, und doch in der Normalität verankert

Eine unbequeme Tatsache, nicht nur für Liberale, sondern ironischerweise auch für jene, die sich im linken Spektrum für Emanzipation einsetzen. Denn zum einen erweist sich hier die „sexuelle Befreiung“, der Götze ganzer Generationen von Feministen, als Farce: Nicht das „Patriarchat“ hat Mazan ermöglicht, sondern das Bestreben, Sexualität von Verantwortlichkeit und Moral zu trennen, jedwedes sexuelle Verhalten als „normal“ zu kennzeichnen, Hemmschwellen und Schamgrenzen niederzureißen und Tabus zu bekämpfen.

OnlyFans und die Folgen
Der Fall Lily Phillips: Selbsterniedrigung im Namen der sexuellen Befreiung
Es gilt als völlig normal, sein Hirn durch pornografische Inhalte zu vergiften, und ein Doppelleben zu führen, in der Annahme, dass das, was man zum Beispiel online konsumiert, vom „echten Leben“ abgekoppelt bliebe. Wenn diese mediale Existenz dann aber in die nichtdigitale Welt einbricht, Hemmschwellen sinken, das Verlangen nach dem Kick immer größer wird, und sich nur durch immer extremere sexuelle Handlungen befriedigen lässt; wenn dann jegliche Hemmungen fallen, jene Fantasien, die man nicht etwa spontan entwickelt, sondern angeregt und genährt hat, in die Tat umzusetzen, dann ist die Öffentlichkeit hilflos und „schockiert“.

Vielmehr müsste sie anerkennen, dass eine von moralischen Maßstäben „befreite“ Sexualität auch den Minimalkonsens der Freiwilligkeit offensichtlich nicht gewährleisten kann, weil die Enthemmungsspirale sich immer schneller dreht: Wo die Überwindung moralischer Grenzen als wünschenswertes Ziel definiert ist, steht am Ende folgerichtig die – dann besonders reizvolle – Übertretung der letzten noch allgemein anerkannten Grenzen.

Der Fall Pelicot in seinem gesamten Ausmaß ist insofern nur teilweise ein Ausscheren aus der gesellschaftlichen Norm. Insbesondere mit Bezug auf die zahlreichen Mittäter ist er eine, wenn auch extreme, Konsequenz: je nach Betrachtung Bodensatz oder Spitze dessen, was sich in weniger intensiven, aber deshalb nicht weniger abscheulichen Verbrechen fortsetzt, und sich in Form von Pornografie und von Sexualität, die sich frei von moralischen Verpflichtungen glaubt, bis zu einem gewissen Grad in den Alltag vieler, wenn nicht der meisten Menschen in Westeuropa hineinzieht.

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