Tichys Einblick
Horst Köhler gestorben:

Der letzte Bundespräsident

Horst Köhler ist tot. Er war der letzte Bundespräsident, der unabhängig agierte. Er stellte sich gegen Merkels Politik, kritisierte Manager und scheute nicht den Konflikt. Sein Rücktritt bleibt bis heute rätselhaft – doch sein Erbe als unbequemer Mahner wirkt nach.

picture alliance / dpa | Tobias Hase

Horst – wer? So ging es vor über 20 Jahren durch die Medien. Bundespräsident war damals ein waschechter SPD-Veteran: Johannes Rau. Im Jahr 2004 hatte Gerhard Schröders Agenda 2010 die Sozialdemokratie erschüttert, das Zerfasern der rot-grünen Regierung deutete sich bereits nicht nur in den Niederlagen bei Landtagswahlen an. 2004 war auch das Jahr, in dem sich die WASG gründen sollte, um als De-facto-Listenverbindung mit der PDS der Kanzlerpartei entscheidende Stimmen zu nehmen.

In dieses rote Vakuum brach plötzlich ein Wirtschaftsexperte. Horst Köhler war Angela Merkels Kandidat – vermutlich nicht so sehr, weil sie für Köhler war, sondern eher, weil sie den von den Parteirivalen favorisierten Wolfgang Schäuble verhindern wollte. Anders als die politischen Heimgewächse Christian Wulff oder Frank-Walter Steinmeier, die Merkel in ihrer Kanzlerschaft in den Sattel heben sollte, war Köhler kein Parteisoldat.

Das war ein Vorteil. Offenbar hatte sich Merkel bereits damals einen möglichst schwachen Bundespräsidenten gewünscht – ähnlich wie sie später ihre Kabinette gestaltete, sollte Köhler gefügig sein. Der frühere geschäftsführende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) galt als sensibel. Dass er im Mai 2010 zurücktrat, führten viele auf den weichen Charakter des Präsidenten zurück.

„Ich habe meine eigenen Vorstellungen. Ich habe meine eigenen Urteile. Ich habe meine eigenen Erfahrungen.“

Doch wer sich als IWF-Präsident bewährt, ist kein Weichling. Spekulationen über seine Rücktrittsgründe halten bis heute an. Intern gilt die These als valide, dass Köhler den Rückhalt Merkels vermisste. Als er es wagte, nationale Interessen für Deutschland zu definieren – etwa indem er forderte, Deutschlands Handelswege militärisch zu sichern – schossen sich Grüne und Rote auf den Bundespräsidenten ein. Rückhalt aus dem Kanzleramt, das ja eigentlich für die Sicherung nationaler Interessen verantwortlich war, gab es keinen.

Horst Köhler ist ein Stück weit das Pendant zu Papst Benedikt XVI. Mit ihm endete nicht nur eine Ära. Es endete auch ein Stück jener bundesrepublikanischen Geborgenheit, die Deutschland so lange auszeichnete. Der Bundespräsident war einst eine Art Grußonkel. Aber er galt als überparteilicher Versöhner – als jemand, der das ganze Land repräsentierte, dessen erbauliche Predigten manchmal zum Abschalten einluden.

Aber es gab das gute Gewissen: Irgendwo in Berlin saß jemand, der im Zweifel der Regierungspolitik einen kleinen Strich durch die Rechnung machen konnte. Köhler verweigerte der Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel nicht nur einmal die Unterschrift. Das ist ein Affront, den kaum ein Amtsträger in den folgenden 16 Jahren wagte.

Wenige Jahre später sollte Bundespräsident Christian Wulff betonen, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Bundespräsident Joachim Gauck spaltete die Nation in „Hell“ und „Dunkel“. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich mehrmals den berechtigten Vorwurf gefallen lassen müssen, dass er weniger Versöhner als vielmehr Spalter des Landes ist. Aus dem Repräsentanten des Volkes wurde ein Repräsentant der Ideologie.

Im Gegensatz zum landläufigen Bild mischte sich Köhler auch schon vor dem berüchtigten Interview ein. Wie kein anderer hatte er bereits in den 2000er-Jahren erkannt, dass Europas Zukunft maßgeblich von der Entwicklung in Afrika abhängt. Man müsse den Leuten dort besser zuhören. Er wollte „Hilfe zur Selbsthilfe“ – vermutlich, weil Köhler wusste, dass sie sonst ihre Probleme schlichtweg nach Europa brachten.

In all seinem Auftreten gerierte sich Köhler mit Zurückhaltung, Demut und Freundlichkeit. In der Sache konnte er aber hart sein. Das betrifft nicht nur den sofortigen Rücktritt als Präzedenzfall in der deutschen Geschichte – von dem sein Nachfolger in deutlich weniger würdiger Weise Gebrauch machte. „Ich bin nicht Bundespräsident geworden, um nur zu repräsentieren, sondern im Rahmen meines Amtes mitzuhelfen, dass wir als Land, als Volk vorankommen“, hat Köhler einmal gesagt.

„Super-Horst“ wurde deswegen ungemütlich. Zuerst gegenüber Schwarz-Rot, dann Schwarz-Gelb – also jenen Parteien, die ihn ins Amt gehoben hatten. In der Finanzkrise teilte er gegen Manager aus, die sich am Wohlstand bedienten. „Ihr habt eine ordentliche Mehrheit. Das Volk erwartet jetzt tatkräftiges Regieren. Daran gemessen waren die ersten Monate enttäuschend“, sagte er zum Merkel-Westerwelle-Duo.

Köhler sah sich nicht als Stütze, sondern als Korrektor der Regierung. Der letzte echte Bundespräsident des alten Deutschlands starb heute, am 1. Februar 2025 im Alter von 81 Jahren.

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